Zur Besinnung

Unsere Jahreslosung - ihr biblischer und sprachlicher Hintergrund

Jesus Christus spricht:
„Seid barmherzig, wie auch euer
Vater barmherzig ist.“


Barmherzigkeit – was ist das
eigentlich? Hat das was mit dem
Herz zu tun? Ja! Und spannenderweise
wird auch in anderen Sprachen
das, was Barmherzigkeit
bedeutet, mit leiblichen Begriffen
ausgedrückt.

Im Hebräischen bezeichnet
raechaem den Mutterschoß oder
auch allgemeiner die Eingeweide.
Davon kommt rachamim, Barmherzigkeit
oder Erbarmen. Das
also, was eine Frau für ihr Kind
empfindet, das sie neun Monate
in ihrem Schoß getragen hat.

Einer der Begriffe, mit denen das
Wort ins Griechische übertragen
wird, ist splanchna, die Eingeweide.
Im Lateinischen ist die
Barmherzigkeit die misericordia.
Jemand hat ein Herz (cor) für die,
denen es mies (miser) geht; ein
Herz für die Armen und Elenden.
Vielleicht war die deutsche
Barmherzigkeit also angelehnt
ans Lateinische ursprünglich eine
Arm-Herzigkeit.

Es gibt aber auch ein althochdeutsches
Wort barm, das Schoß
oder Busen bedeutet. Dann
steckt im Erbarmen und in der
Barmherzigkeit wie im Hebräischen
der Mutterschoß. Auf alle
Fälle ist deutlich, Barmherzigkeit
ist uns auf den Leib geschrieben.


Ein zweites: Für die Barmherzigkeit
reicht die Einzahl nicht,
Barmherzigkeit ist zu groß und
zu reich, vor allem Gottes Barmherzigkeit.
Das Wort steht im
Hebräischen (rachamim) in der
Mehrzahl. Und im Griechischen
oft auch! Die splanchna, die Eingeweide,
gibt es nicht einzeln und
ein weiterer eher abstrakter Begriff
für Barmherzigkeit wird auch
meist in der Mehrzahl verwendet
(oiktirmoi). In der Hebräischen
Bibel wird der Barmherzigkeit
auch oft noch ein zweiter Begriff
hinzugefügt: „Barmherzig
und gnädig ist der Herr“
, es ist
die Rede von seiner Gnade und
Barmherzigkeit. Und im Neuen
Testament finden wir die herzliche
Barmherzigkeit Gottes (Lukas
1,78) und unter den Christen
herzliches Erbarmen (Kolosser
3,12. vgl. auch Philipper 2,1).

Schließlich: Barmherzigkeit ist
zuerst einmal Gottes Sache. Sie
ist vor allem ihm auf den Leib
geschrieben, er trägt sie sogar
in seinem Namen. Als Mose sich
von Gott erbittet, seine Herrlichkeit
sehen zu dürfen, lehnt
Gott ab. Kein Mensch würde das
aushalten. Aber er birgt Mose in
einer Felsspalte, geht an ihm vorüber
und ruft seinen Namen aus:
HERR, HERR, Gott, barmherzig
und gnädig und geduldig und von
großer Gnade und Treue
(2. Mose
34,6). Vertrauter ist uns dieser
Gottesname in der Version von
Psalm 103,8: Barmherzig und
gnädig ist der HERR, geduldig
und von großer Güte
. (Vgl. auch
Psalm 86,15) Darum heißt auch
eine unserer wichtigsten Gebetsbitten:
Erbarme dich unser.
Kyrie eleison.


Barmherzigkeit ist zuerst einmal
Gottes Sache, und die von Jesus,
seinem Sohn. Das sehen wir auch
im NT. Da gibt es ein Verb, das
von den Eingeweiden abgeleitet
ist und von den damit verbundenen
Gefühlen (im Deutschen
verorten wir die ja vor allem im
Herzen). In den meisten Bibelübersetzungen
steht da dann „er
hatte Mitleid“. Man könnte aber
auch sagen: es „geht jemand
an die Nieren“ oder „es zerreißt
einem das Herz“. Luther übersetzt
„es jammert ihn“. Und dieses
Wort wird fast nur von Jesus gebraucht.
Ihn jammern die Kranken
und er heilt sie. Ihn jammert die
große Menge, die ihm zuhört und
Hunger hat, und er teilt Brot und
Fisch unter sie. In Jesu Gleichnissen
jammert es den Vater des
verlorenen Sohnes und den Herrn
des Schalksknechts.
Nur ein einziges Mal wird das
Wort auch für einen Menschen
gebraucht. Den barmherzigen Samariter
jammert, als er den unter
die Räuber gefallenen sieht – und
so hilft er ihm (Lukas 10,33).

Barmherzigkeit ist Gottes Sache -
und wenn wir untereinander
barmherzig sind wie der Barmherzige
Samariter, dann machen
wir es Gott und Jesus nach.

Jesus Christus spricht: „Seid
barmherzig, wie auch euer Vater
barmherzig ist.“

Pfarrerin Dr. Irene Mildenberger