ZUR BESINNUNG

Wir warten noch – Gott ist schon da!

Im Dezember ist wieder Adventszeit
– wir bereiten uns vor auf Weihnachten,
wir warten darauf, dass Gott als
Kind in der Krippe zu uns kommt.

Mit dem 1. Advent beginnt auch ein
neues Kirchenjahr. Und das kommt
mit einer Veränderung im Gottesdienst.
Immer wieder werden neue,
bisher unvertraute biblische Texte
zu hören sein und in den Predigten
ausgelegt werden. Denn die Ordnung,
nach der wir im Gottesdienst aus der
Bibel lesen, ist nach 40 Jahren
überarbeitet worden.

Ein neuer Adventstext stammt aus
dem Hohen Lied. Das ist ein Buch
der Bibel, in dem lauter Liebeslieder
stehen. Man hat sie als Gespräch
verstanden zwischen Gott und den
Menschen, die an ihn glauben.
So haben diese Liebeslieder ihren
Weg in die Bibel gefunden.

In einem kleinen Ausschnitt, da wartet
die Geliebte – Bild für die Menschen,
das Volk Israel, die Christen –
auf ihren Geliebten, auf Gott. Ich höre
schon seine Stimme, so singt sie.
Und dann ist doch nichts zu sehen.
Hat sie sich verhört? Muss sie weiter
warten? Wartet sie vielleicht ganz
vergeblich?
„Siehe, er steht hinter unsrer Wand und
sieht durchs Fenster und blickt durchs
Gitter.“ (Hoheslied 2,9)
So geht es weiter. Der sehnlichst Erwartete,
er ist schon da, nur noch nicht zu
erkennen. In einer Zeit noch ohne
Glasscheiben füllt ein Gitter die Fensteröffnung
aus. Durchsehen kann
nur, wer ganz dicht daran steht. So ist
dieses Bild zu verstehen.

Martin Luther hat darin ein Trostbild
entdeckt: Manchmal ist das Leben für
uns dunkel. Leid und Krankheit, Trauer
und Hoffnungslosigkeit stehen vor
uns wie eine feste Wand. Wir fühlen
uns, als sei Gott ganz weit weg. Aber
er steht direkt hinter der Wand. Und
sie hat Fenster. Durch die sieht uns
Gott längst. „Denn er steht und ist
bereit, in Gnaden zu helfen, und durch
die Fenster des dunklen Glaubens lässt
er sich sehen“.

Und mehr noch, der Geliebte ruft
seine Freundin heraus ins Freie:
„Steh auf, meine Freundin, und komm,
meine Schöne, komm her!“
(Hoheslied 2,13)

Das wünsche ich Ihnen für die Wochen,
die vor uns liegen, dass Sie
Gottes liebevolle Stimme hören. In
dunklen Tagen oder im Weihnachtslicht,
im alten und im neuen Jahr:
„Komm, mein Freund, meine Freundin,
sei mit mir unterwegs.“


Ihre Pfarrerin Irene Mildenberger