ZUR BESINNUNG

„Du sollst Dir kein Bildnis noch
irgendein Gleichnis machen,
weder von dem,
was droben im Himmel,
noch von dem,
was unten auf Erden,
noch von dem,
was im Wasser
unter der Erde ist:
Bete sie nicht an
und diene ihnen nicht!“
(2. Mose 20,4-5a)

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade eben habe ich noch Bild um
Bild im atemberaubend schönen
Garten vom Maler Claude Monet
gemacht (s. Titelbild). Noch eines
und noch eines. Immer neue Blumen
und Blüten und Aussichten auf den
berühmten Teich mit der japanischen
Brücke ziehen mich in ihren Bann
und ich möchte sie festhalten.
Doch plötzlich ist Schluss: Der Akku
meines Fotoapparates ist leer. Und
ich habe weder einen Ersatzakku
dabei, noch daran gedacht, das Ladekabel
einzupacken.
Bitter ist die Erkenntnis:
Keine weiteren Bilder mehr!
Ich gebe zu, dass ich mich erst
einmal ziemlich geärgert habe: über
mich selbst und überhaupt.
Aber dann empfand ich es doch als
Chance: Erst einmal durchatmen!
Ab jetzt zählt der Augenblick, das
bewusste Wahrnehmen, im Hier und
Jetzt sein, schauen und langsam sein
– und zulassen, dass ich es nicht
festhalten kann. Denn im Grunde
kann ich nichts festhalten.
„Du sollst dir kein Bildnis machen“
- sicherlich war damit nicht das
Fotografieren gemeint.
Vom Schweizer Schriftsteller
Max Frisch stammt für mich eine
wichtige Erklärung für dieses Gebot.
In seinem Tagebuch von
1946 – 1949 schreibt er:
„Es ist bemerkenswert, dass wir
gerade von dem Menschen, den wir
lieben, am mindestens aussagen
können, wie er sei. Wir lieben ihn
einfach. Eben darin besteht die Liebe,
dass sie uns in der Schwebe des
Lebendigen hält, in der Bereitschaft,
einem Menschen zu folgen in allen
seinen möglichen Entfaltungen.
Das ist das Abenteuerliche, das
eigentlich Spannende, dass wir mit
den Menschen, die wir lieben, nicht
fertig werden.“
„Du bist es nicht, sagt der Enttäuschte
oder die Enttäuschte:
wofür ich Dich gehalten habe.
Und wofür hat man sich denn gehalten?
Für ein Geheimnis, das der Mensch
ja immerhin ist, ein erregendes
Rätsel, das auszuhalten wir müde
geworden sind. Man macht sich ein
Bildnis. Das ist das Lieblose, der
Verrat.“
„Du sollst dir kein Bildnis machen,
heißt es, von Gott. Es dürfte auch
in diesem Sinne gelten: Gott als das
Lebendige in jedem Menschen, das,
was nicht erfassbar ist. Es ist eine
Versündigung, die wir, so wie sie an
uns begangen wird, fast ohne Unterlass
wieder begehen – ausgenommen
wir lieben.“ Denn: „Die Liebe
befreit aus jeglichem Bildnis.“
Die Liebe muss nicht festhalten.
Sie ist. Und befreit.
Es ist eine Kunst, sich kein Bildnis zu
machen – weder von Gott, seinem
Nächsten, noch von sich selbst. Das
Bilderverbot ist nicht Selbstzweck,
sondern dient der Kunst der Liebe:
Wer liebt, der wird sich – aus Liebe
zu Gott, der sich die Liebe nennt –
darin üben, der Lebendigkeit ihren
Raum zu lassen und der
Vielfältigkeit.
Es ist schön, Fotos als Erinnerungen
zu haben. Doch schöner ist
die Lebendigkeit des Augenblicks
wahrnehmen zu können, ohne sich
an einer Kamera festzuhalten.
Es ist schön, besondere Augenblicke
mit einem geliebten Menschen zu
erleben und zu erkennen: Wir sind
noch nicht fertig. Wir sind Gottes
vielfältige, lebendige Kunstwerke.
Das gilt es zu entdecken – miteinander
und aneinander. Jeden Tag neu!
Eine schöne Sommer-Entdeckungs-
Zeit wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin Stefanie Kögel